IMPRESSIONS D'ARTISTES N° 52, Paris - Tunis 2007
Impressions D’Artistes 05/07 N° 52 Paris - Tunis
ein Bericht von Mustapha Chelbi
BRIGITTE THONHAUSER-MERK
Einheit in der Vielfalt
Die Malerin Brigitte Thonhauser-Merk ist schwer einzuordnen. Als mehrdimensionale Künstlerin mit vielfachen Ausdrucksmöglichkeiten richtet sich ihr Blick auf alles, was sich ihr anbietet. Einmal gestisch oder konzeptuell, dann wieder realistisch oder kubistisch lässt sie sich in keine bestimmte Richtung einstufen. Sie weiß, dass die Freiheit das kostbarste Gut jedes Individuums ist, das sein Dasein in der gesamten Fülle entdecken will. In ihren Aquarellen, Ölgemälden, Acrylbildern, Collagen und Zeichnungen ist sie jedes Mal zugleich anders und doch wieder sie selbst. Sie ist ein echtes Chamäleon: aber besteht nicht die größte Tugend des Malers gerade in seiner Anpassungsfähigkeit? Sie lebt die Malerei in allen ihren Bildern aus: „Meine Energie verdanke ich wahrscheinlich der langen Ruhepause, die auf meine ersten Zeichnungen folgte… Ein Zeitraum, der sich über dreißig Jahre erstreckte! Dreißig Jahre, in denen ich mich meiner Familie und der Erziehung meiner Kinder gewidmet habe. Als ich wieder zu malen begann, hatte ich den Eindruck, „die verloren gegangene Zeit“ aufholen zu müssen. Ich wollte die große Verspätung, die ich empfand, wieder aufholen. Deshalb habe ich mich darauf gestürzt, alle Techniken und Stilrichtungen auszuprobieren, um die inzwischen entstandene Leere in mir aufzufüllen. Mit jeder Technik tat sich eine neue Welt vor mir auf und ich entdeckte dabei die unterschiedlichsten Sujets. Meine Inspirationen holte ich mir aus den Erlebnissen in meiner unmittelbaren Umgebung, aus meinen Reisen, meiner Umwelt usw. und war immer von all dem Neuen fasziniert.“
Brigitte Thonhauser-Merk wollte die für die Malerei verloren gegangene Zeit wieder aufholen, indem sie sich mit allen Techniken und Stilrichtungen vertraut machte. Da ihr die Verbindung zur Leinwand während dreißig Jahren sehr abgegangen war, machte sie sich mit doppeltem Fleiß an die Arbeit, sobald ihr eigenes Atelier eingerichtet war. Sie ist in die Welt der Malerei mit dem festen Entschluss eingetreten, ihre künstlerische Passion voll und ohne Eingrenzung oder Beschränkung auszuleben: „Durch diese faszinierende Vielfalt fühlte mich anfänglich zu allen möglichen Techniken hingezogen. In meiner Jugend war ich in meinen Möglichkeiten viel mehr eingeschränkt; im reiferen Alter habe ich daher beschlossen frei zu sein, um alle Möglichkeiten der schöpferischen Tätigkeit, welche die Malerei bietet, zu ergründen. Jetzt kann ich analysieren, was ich mit jedem einzelnen Element anfangen kann. Von einer Technik zur anderen und von einem Material zum anderen eröffnet sich mir eine wunderbare Welt. Ich lerne meine eigenen Fähigkeiten kennen und ich lerne auch von mir selbst, wie ich meine Arbeit weiter entwickeln kann. So bin ich gewissermaßen selbst Anfang und Ende meiner eigenen Auseinandersetzung. Indem ich in der einen Technik arbeite, erkenne ich oftmals, was ich daraus verwenden kann, um meine Arbeit in einer anderen Technik zu verbessern. Ein und dasselbe Motiv in verschiedener Art und Weise dargestellt, eröffnet neue Perspektiven, wobei sich oft unvorhersehbare und nicht geplante künstlerische Weiterentwicklungen ergeben. Ich bin noch lange nicht am Ende dieses phantastischen, schöpferischen Elans angelangt, auf den ich mich mit ganzem Herzen eingelassen habe.“
In ihren Aquarellen, wo die Blumen oft in üppigen Buketts überquellen, stellt sie uns eine feinsinnige und anspruchsvolle Arbeit vor. Sie bietet ein Feuerwerk an Farben, Tonwerten, Nuancen und man verspürt beinahe den davon ausgehenden Duft. Die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit der Blume wird ausgelöscht und an ihre Stelle treten Buketts von einer unglaublichen Kraft. Bei Thonhauser-Merk sind die Blumen nicht mehr dem Verwelken unterworfen.
In ihren Ölgemälden besingt Thonhauser-Merk zärtlich und mit einer wohl fundierten und strukturierten Arbeit die Poesie der österreichischen Landschaft. Gärten entfalten sich mit Noblesse, Kirchen erheben sich ehrfürchtig gegen den Himmel und Weingärten dehnen sich sinnenfreudig aus… Man bekommt Lust, in ihre Bilder einzutauchen, um sich in einer der schönen Strassen Wiens wieder zu finden.
In ihren Collagen ist Thonhauser-Merk sehr modern. Nahe an Braque und Picasso stellen sich ihre kubistischen Konstruktionen als Neuschöpfungen dar, die in der Lage sind, der Realität eine Seele zu verleihen. Sie besitzt die Gabe, zum Wesentlichen vorzudringen und erträgt es nicht an der Oberfläche der Dinge verhaftet zu bleiben. Ihre surrealen Darstellungen beweisen ihre Fähigkeit, die ungestümen Fluten einer Traumwelt zu überwinden.
In der Acrylmalerei steht sie zwischen Traum und Wirklichkeit. Eine heikle Lage, die sie dazu zwingt, sich mit den beiden Extremen des Seins auseinanderzusetzen. Mit Anmut stellt sie einen doppelten Lebensraum dar: denjenigen, der ist und denjenigen, der nicht ist. Sie stellt hin, stellt weg, fügt zusammen, trennt, fügt erneut zusammen, formt, zerlegt, verzerrt und verändert.
Mit ihren Ölkreidezeichnungen ist sie expressionistisch, ja sogar tragisch expressionistisch… Hundertwasser und Klimt sind nicht weit entfernt von ihren Traumvisionen. Gerade ihr, die malt, um die Lebensfreude darzustellen, gelingt es, auch den Schmerz des Daseins zu berühren. „Obwohl die Malerei es mir erlaubt, mich frei auszudrücken, entsteht auch ein gewisser Druck dabei. Jede Technik birgt wunderbare Ausdrucksmöglichkeiten in sich, hat aber gleichzeitig auch ihre Grenzen. Viele meinen – übrigens zu Unrecht -, dass die Aquarellmalerei eine leichte Technik wäre. Sie ist aber eine schwierige und hat mich im Laufe der Zeit gelehrt, den Zufall zu beherrschen. Bei der Ölmalerei hingegen habe ich Geduld gelernt, denn es dauert lange, bis eine Leinwand fertig ist. Ich finde es faszinierend, die Frucht der Erfahrungen aus einer Arbeit auf eine andere zu übertragen und ihr anzupassen. Bei der Ölmalerei sind Ausbesserungen möglich, beim Aquarell so gut wie nicht. Acryl ist eine gute Synthese zwischen den beiden.“
Von „Don Quixote“ zu „Jesus“ leiht sie ihre Stimme einer verwundeten Menschheit… die Leinwand leidet und die Kreide weint… Sammelbecken der universellen Angst, besingt Thonhauser-Merk die Hoffnungslosigkeit… und aus ihrer Verzweiflung entsteht neue Hoffnung.
Teils gestisch bis zur Auslöschung der Formen, teils figurativ mit geometrischer Präzision, erforscht sie ohne Vorbehalt den bildnerischen Raum mit dem unbändigen Wunsch nach Selbsterkenntnis und gleichzeitig nach dem Erkennen des Mysteriums Malerei. Die Leinwand wird so zu einem magischen Spiegel, der ihr ihre vielfältigen Identitäten zurückwirft.
Als facettenreiche Persönlichkeit hat Thonhauser-Merk einen Eroberungszug begonnen, und sie weiß, dass ihr der Sieg sicher ist. Ernsthaft beim Malen und dennoch voll Liebe und Humor im Leben warnt sie: „Ich verändere ständig etwas.. gebt Acht, was ihr Euch anschaut… Bei der Beobachtung meines Gartens habe ich vieles gelernt… sogar das Unkraut hat mir seine Lektion für das Leben erteilt… zwischen all unseren Unternehmungen, sogar den widersprüchlichsten, gibt es einen gemeinsamen Nenner… Manchmal benötigt man ein ganzes Leben, um zu verstehen, dass hinter der Vielfalt unserer Verpflichtungen und Verhaltensweisen eine grundlegende Einheit besteht. Ich halte mich an das Evangelium, das uns rät, sich an Gott festzuhalten um gute Früchte hervor zu bringen. Bei meiner schöpferischen Tätigkeit fühle ich mich Gott sehr nahe. Meine Arbeit bedingt eine genaue Linienführung, die ich mit freier Hand und ohne irgendwelche Hilfsmittel ausführe. Ich achte auch darauf, dass die Perspektive stimmt. Meine Werke entstehen aus einer großen Konzentration heraus und durch diese Anspannung kann ich über mich hinauswachsen. Nur durch die Schaffung eines echten Kunstwerkes können wir über das Chaos triumphieren und die Schönheit der Welt hervortreten lassen.“
Von jeder Technik, mit der sich Thonhauser-Merk beschäftigt, ist sie begeistert und man merkt das am Ergebnis. An der Art eines Künstlers, an ein Werk heranzugehen, erkennt man nur zwei Typen von Malern. Es gibt den Künstler, der sein Leben damit verbringt, auf ein und derselben Stelle zu treten, die gleichen Ingredienzien zu verwenden und im ewig gleichen Stil zu malen (die gleiche Hülle und immer die alte Leier, wie Jacques Bouyssou es so treffend ausdruckt), wie Bernard Buffet, und es gibt die Art von forschenden Malern, die von einer Technik zur anderen gehen und vom Verlangen nach immer Neuem verzehrt werden, wofür Dalí ein typischer Vertreter ist. Wo ist demnach Thonhauser-Merk einzureihen? Die Malerei kann Mauern zum Sprechen bringen und wird sozusagen zum Spiegel der Seele: Spiegel der Seele des Malers, der sie gemalt hat, und Spiegel des Betrachters, der sie anschaut.
Vielleicht ist dieses Rätsel darauf zurückzuführen, dass der Maler eigentlich mit unseren Augen malt und seine Berufung nicht nur darin besteht, er selbst zu sein, sondern für die Gesamtheit aller anderen zu sprechen: „Ich soll ich selbst sein? Wie kann ich denn ich selbst sein, einzigartig und unverwechselbar, wo ich doch so viele andere Möglichkeiten in mir trage, verschiedene Richtungen und Wahrnehmungsformen? Wenn ich vielerlei Techniken anwende und mehrere Sprachen spreche, so höre ich dennoch nicht auf, ich selbst zu sein. Das Gemeinsame zwischen all den Techniken, die ich anwende, eröffnet sich erst, wenn man in einen übergeordneten Bereich der Lesbarkeit und Analyse eintritt. Ich will nämlich nicht nur einen vorübergehenden und kurzlebigen visuellen Eindruck vermitteln, sondern einen dauerhaften und ewigen Seelenzustand angesichts der Vielfältigkeit unserer Emotionen. Alle Schönheit liegt in der Natur. Ich bearbeite sie auf meine Art und Weise, um sie in meinen Bildern darzustellen. Ich bin keine Fotografin. Ich nehme die Realität auch nicht so hin, wie sie ist, sondern ich interpretiere, transformiere und deformiere sie… ich will über den fotografischen Effekt hinausgehen. Als Malerin fühle ich mich dazu berufen, das Wahrnehmbare darzustellen und nicht nachzubilden; worin besteht denn sonst der Unterschied zwischen einem Foto und einem Gemälde desselben Blumenstraußes? Im gemalten Bild findet sich die Persönlichkeit des Malers wieder, die sich in dem Sujet spiegelt…. Wir Maler haben viele Augen, während der Fotograf die Realität nur mit einem Objektiv einfangen kann. Auch ich habe nicht nur zwei Augen, sondern unglaublich viele, und darin besteht das Geheimnis für die tägliche Erneuerung meines Blickes. Meiner Meinung nach kann es gefährlich werden, nur einen einzigen Stil zu haben … Es gibt Maler, die ihr ganzes Leben ähnliche Sujets in immer gleicher Art und Weise malen…sie wiederholen sich ständig und langweilen damit nicht nur sich selbst, sondern schließlich auch ihr Publikum. Es zahlt sich nicht aus, sich auf die Malerei einzulassen, wenn man nicht bereit ist, über sich selbst hinauszuwachsen.“
Trotz aller Veränderungen und Metamorphosen ist Thonhauser-Merk dennoch immer dieselbe… Wie gelingt es ihr, mit der unglaublichen Herausforderung fertig zu werden, ihre Identität zu bewahren und sich dennoch für die Vielfalt zu entscheiden? Darauf antwortet sie mit Heiterkeit und einem humorvollen Augenzwinkern: „Jede Persönlichkeit hat mehrere Facetten. Man hat also mehrere Ichs in sich und muss fähig sein, alle Dimensionen auszuloten. Wenn also ein Lichtstrahl auf eine meiner Facetten fällt, zeige ich mich klassisch, in einer anderen Situation wieder avantgardistisch. Es kommt auch darauf an, mit welchem Blick der Betrachter mich und mein Bild betrachtet. Meine Malweise verändert sich gemäß den Parametern und Umständen. Man muss seine Malerei intensiv erleben um ihren tiefen Inhalt zu entdecken und dann, wenn sie anderen Menschen vermittelt wird, ihr eine Dimension geben, in der jeder sich wieder finden kann. Die Malerei ist lebendig. Ein Bild ist wie ein Mitbewohner: je länger man mit ihm lebt, desto mehr spricht er zu uns. Man kann ein Bild nicht nur flüchtig anschauen. Man muss sich Zeit nehmen, mit ihm zu leben, ansonsten geht man am Wesentlichsten vorbei.
Die Malerei ist eine gesunde Therapie: sie gibt dem Menschen neue Lebensfreude, indem sie ihm zeigt, wie wichtig das genaue Schauen ist. Die Rosen in meinem Garten wachsen jedes Jahr aus demselben Stock und sind doch immer wieder anders; ebenso wenig gleichen einander meine Bilder. Ich ziehe also identische Schlussfolgerungen und lerne aus der Natur wie aus der Malerei meine Lektionen für das Leben!“
Thonhauser-Merk wechselt ihre Technik, ihren Stil, ihre Malweise und ihre Ausrichtung... Frei und unbehindert nimmt sie jede Bereicherung auf, in der sie ihre Erfüllung finden kann. Was ist also das Geheimnis für ihre Flexibilität? Sie selbst erklärt es mit der größten Offenheit: “Die künstlerische Entwicklung verläuft parallel zur Entwicklung des Lebens… es geht immer wieder um mein eigenes Leben, aber auch um das Leben derer, mit denen ich in Berührung komme, wenn ich zur Leinwand gehe und agiere oder je nach Stimmung, Umständen, Situationen und Zufällen reagiere…durch die Verwendung vieler Techniken führe ich sozusagen einen Mehrfrontenkrieg. Ich erziele verschiedene Ergebnisse, die ihren gemeinsamen Ursprung in der Energiequelle haben, die aus meinem Innersten kommt. Ich lerne auch von mir selbst verschiedene Dinge, um darauf basierend eine neue Sache aufzubauen, ohne das Erbe dabei gering zu achten. Es klingt vielleicht überraschend, wenn ich sage, dass die Quelle für meine abstrakten Bilder in meinen informellen Naturstudien liegt, was beweist, dass es für die Kunst keine Grenzen gibt, außer für engstirnige Geister. Wie viele Dinge muss man in sich begraben, um ein Kunstwerk zu schaffen? Auf wie viel muss man verzichten, um das Glück zu finden? Was muss man am Leben lassen, um für die Kunst nicht tot zu sein? Seit frühester Kindheit stelle ich mir diese Fragen. Die einzige Antwort darauf ist die Arbeit, wobei das Vordringen zum Wesentlichen das Ziel meiner Kunstauffassung ist. Ich hatte immer eine Vorliebe für gleichmäßige und geometrische Formen, liebe aber auch unregelmäßige und wilde. Von vielen Einflüssen will ich mich freihalten. Durch meine Kunst will ich auch einen Gegenpol zum Druck durch die Medien setzen, ein schier unmöglicher Traum, wenn man die täglich auf uns einstürmende Diktatur der Medien in Betracht zieht. Durch eine Vereinfachung meiner Bildsprache möchte ich die Herausforderung annehmen, der Öffentlichkeit einen Ruhepol zu verschaffen. Ich möchte, dass der Betrachter voll Heiterkeit in meinem bildnerischen Raum umhergehen kann; so wie ich befreit bin, möchte ich auch das Publikum an dieser Befreiung teilhaben lassen.“
Der Mensch braucht einen geistigen Lehrmeister. Die Wissensüberlieferung von Generation zu Generation erfolgt vom Lehrmeister zum Schüler, wobei der wahre Lehrer derjenige ist, der seinem Schüler die komplette Freiheit überlässt und der wahre Schüler anerkennt als alleinigen Lehrmeister das Leben. Das ist auch der Fall bei Thonhauser-Merk, die mit Begeisterung die Lektionen, die die Natur ihr erteilt, in der Malerei umsetzt. Wenn ich von Lektionen aus der Natur spreche, so meine ich damit nicht eine passive und kontemplative Haltung gegenüber den Naturschönheiten. Das würde zu einem Missverständnis mit den Erfahrungen von Thonhauser-Merk führen. Ich spreche von der Natur in ihrer Stärke, aber auch in ihrer Schwachheit, in ihrer Energie, aber auch in ihrem Überfluss, ihrer Stille, ihrer Fruchtbarkeit, ihrer Wüste, in Anwesenheit und Abwesenheit, in ihrem Leben und ihrem Tod. Davon spricht auch Descartes, wenn er meint: „Anstelle in der Philosophie, die man in den Schulen lehrt, kann man im Leben selbst die Kraft des Feuers, der Erde, der Luft, der Gestirne, des Himmels und der gesamten Schöpfung finden….Denn das höchste Gut ist das Leben.“ Der Gedanke an Schönheit muss also aus der Liebe zum Leben hervorgehen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, diese Offenbarung anderen mitzuteilen, um die menschliche Rasse von Zerstörung und Chaos zu bewahren. Dieser edlen Aufgabe hat Thonhauser-Merk sich in ihrem künstlerischen Engagement verschrieben: “Ich bin oft in Versuchung, der einfachen Wiedergabe der Realität zu entfliehen, um an die Wahrheit in der Malerei heranzukommen. Vor allem dann, wenn ich es wage, die natürlichen Farben zu verändern, öffnet sich vor mir die wunderbare Pforte des Traumes. Diese übernatürlichen Farbtöne führen mich dann zu der Harmonie, die ich im Bild darstellen will. Dabei finde ich den Mut, neue Horizonte zu erobern.
Kurz gesagt, ich bin ein visueller Typ. Mein Tun hängt stark von meinen visuellen Eindrücken und deren Bewertung ab. Wenn ich zum Beispiel in ein Hotelzimmer trete, dessen Farben mir nicht gefallen, stellt das ein echtes Problem für mich dar. Wo immer ich hingehe, taste ich Linien, Formen, Farben, Farbflächen, Gesichter mit meinen Augen ab…ich lebe also mit einem aufmerksamen Blick. Und all das reizt mich dazu, über meine Grenzen hinaus zu gehen. Ich mache viele Skizzen und Zeichnungen, die mir wieder als Grundlage für meine Aquarelle, Ölgemälde oder Acrylbilder dienen. Manchmal geschieht es auch, dass ich ein Aquarell in Streifen schneide, um diese dann anders neu zusammenzusetzen; dabei entdecke ich anhand der alten Zeichnung neue Linienführungen. So entstehen aus naturgetreuen Elementen abstrakte Kompositionen.
Manche Themen beschäftigen mich seit langer Zeit. So kann es geschehen, dass ich dieses oder jenes Sujet jahrelang in Gedanken bewege, bis es sich mir eines Tages so aufdrängt, dass ich es wie in einem Geburtsvorgang unbedingt darstellen muss. Unsere Bilder sind wie Kinder… man entschließt sich schwer, sich von ihnen zu trennen. Zu viel Liebe kann die wahre Liebe töten. Man muss lernen, im richtigen Augenblick den Pinsel aus der Hand zu legen. Ich habe mir angewöhnt, dann aufzuhören, wenn das Bild fast vollendet ist. Ich gebe ihm Zeit, sich von mir auszuruhen und auch ich selbst nehme Abstand von ihm. Am nächsten Morgen betrachte ich es mit neuen Augen und sehe sofort, was zur Vollendung noch fehlt. Wenn man sich vom Wunsch möglichst viel zu machen verleiten lässt, verdirbt man das Bild. Die Malerei hat mit Emotionen zu tun, bedeutet aber auch viel Arbeit. Die Atmosphäre meines Ateliers schützt mich vor Übermüdung, vor Langeweile und vor Routine. Oft reißt mich mein schöpferischer Elan mit. Gerne höre ich Musik bei meiner Arbeit. Ich trenne mich von allen Umwelteinflüssen, wenn ich mich ganz meiner Arbeit widmen will. Ich strebe dabei nach größtmöglicher Vollkommenheit, denn ich finde, wenn etwas wert ist getan zu werden, dann ist es auch wert, gut getan zu werden.
Ich gestehe, dass meine Arbeiten in alle Richtungen gehen. Viele meiner Freunde raten mir immer wieder, doch bei einem einzigen Stil zu bleiben… Kann ich denn etwas dafür, dass ich viele Sprachen spreche? Ich kann nicht verstehen, warum manche rückständige Geister der Kunst Fesseln anlegen wollen. Ich poche auf mein Recht, immer wieder anders und nicht mein eigener Papagei sein zu müssen."
Natürlich kann man die Orientierung von Thonhauser-Merk beim Aufbau ihres künstlerischen Universums in verschiedene Richtungen hinterfragen und ratlos nach einem Zugang zu ihren vielfältigen Identitäten suchen. Die Antwort ist jedoch ganz einfach: „Alle Wege führen zu Thonhauser-Merk“. „Ich kann Ihnen nicht raten, auf welchem Weg Sie den besten Zugang zu mir finden, da ich selbst mich an keine bestimmt Reiseroute halte, um auf meinem bildnerischen Weg weiterzukommen. Mein Werk ist noch nicht vollendet und das letzt Wort noch nicht gesprochen. Ich genieße die Möglichkeit, meine Leidenschaft im Aquarell, Acryl, Öl, Zeichnung, Lithographie, Skulptur oder Seidenmalerei auszuleben und ich bin zu neuen künstlerischen Abenteuern bereit, da es dabei einen Zusammenhang gibt. Ich lebe in der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, doch ich zersplittere mich nicht dabei. Ich will das Beste von mir selbst an andere weitergeben.“
Als Erbin verschiedener Kulturen trägt Thonhauser-Merk die Erinnerung an mehrere Welten in sich. Was in ihren Augen zählt, ist das Erfassen der zahlreichen Wirklichkeiten, die sich hinter der sichtbaren Welt verbergen. Auch im sichtbaren Bereich soll es keinen Eisernen Vorhang geben, sondern ein gemeinsames Haus erfüllt von Liebe, Menschlichkeit und Gastfreundschaft. Als echte Europäerin besingt sie die gesamte Menschheit und lädt „die Völker aus der Ferne“ ein, mit ihr auf der Leinwand die Hymne an die Freude zu singen. Valéry nennt zu Recht Europa das Herz der Welt. Wird man das endlich innerhalb und außerhalb Europas verstehen? Wie soll die Menschheit oder Menschlichkeit in Zukunft bestehen? Darin besteht der Sinn des Ringens von Thonhauser-Merk um ihren künstlerischen Ausdruck: „Man muss sich die Menschen in ihrer Gesamtheit vorstellen, bevor man zu malen beginnt. Man muss auch die Natur vorbehaltlos lieben, bevor man daran geht sie abzubilden. Eigentlich ist die richtige Stellung vor der Staffelei auf den Knien. Das Stadium der Nachahmung der Natur ist zu überwinden, um einer Malerei Raum zu geben, der unsere Träume als Menschen innewohnen. Dieses Ideal ist wie ein Sprungbrett zu sich selbst und zu anderen. Ja, auf diese Art und Weise wird man fähig umzuformen, zu zerlegen und zu verzerren. Nur wer die Fähigkeit hat (sich) zu sterben, wird auch die Auferstehung erleben. Besser ist es aus Liebe zu sterben als ohne Liebe zu leben; wer etwas Neues schaffen will, sollte auf dem Altem aufbauen Ich bin überzeugt, dass ein echter Künstler Gott sehr nahe steht, denn er ist ebenso ein Schöpfer. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Schöpferkraft besitzt. Diese vergeistigt und befähigt ihn, über das Chaos zu triumphieren.
Ich habe mich dazu entschlossen, mich auf das intensive Leben einzulassen, welches die Beschäftigung mit der Malerei mit sich bringt, und ich möchte darauf nicht verzichten. Ich bin froh, einen Mann zu haben, der meine Überzeugungen teilt und mich dazu ermutigt, bei der Ausschöpfung meiner Fähigkeiten so weit als möglich zu gehen. Bei allem Enthusiasmus gibt es Dinge, die mich eingrenzen und betrüben. Ich finde es schade, dass ich Wahrheit an sich, Freiheit, Liebe nicht bildlich darstellen kann. Ich weiß, dass man Begriffe nicht malen kann und dass die Malerei selbst Freiheit, Wahrheit, Schönheit und Liebe ist. Wenn man sie aber versklaven und missbrauchen will, ist sie zu nichts mehr gut. Sie gleicht dann einem Saiteninstrument, dem kein Ton zu entlocken ist. Wenn man allerdings der Kunst aufrichtig dient, kann man ein hohes Maß an Erkenntnis und Weisheit erreichen. Was mich betrifft, so hat die Malerei meinen Blick für vielerlei Beobachtungsweisen frei gemacht. Die Wirklichkeit ist nur eine davon, doch je nachdem wie wir sie betrachten, entstehen daraus neue Wirklichkeiten…es ist wie eine Befruchtung… die Malerei bereichert den Blick. Was kann ich aus der wahrnehmbaren Wirklichkeit nehmen, um daraus ein Kunstwerk zu machen? Beim Malen erlebe ich äußerste Konzentration, die mich befähigt, mich zu den edelsten geistigen Idealen zu erheben. In der Malerei habe ich Kraft, seelisches Gleichgewicht, Glück und helle Freude gefunden. Ihr habe ich meine Wahrheit, meine Emotion, meine Arbeitskraft, meinen Hunger nach Schönheit und meine Sehnsucht nach Liebe gegeben. Natürlich dringt die Malerei durch das Auge in den Menschen ein, aber diese visuelle Verbindung löst eine seelische Kraft aus, die Berge versetzen kann.“
Abgesehen von dem materiellen Vergnügen, das ihr die verschiedenen Maltechniken bereiten, glaube ich, dass Thonhauser-Merk nach dem immateriellen Ziel strebt, das uns über uns hinaus hebt, um uns tief in das eigene Herz zu führen: „Wenn ich zu malen beginne, bin ich so glücklich, dass ich vor der Leinwand am liebsten schreien, hüpfen, tanzen und singen möchte. Es ist wunderbar, mit den Linien, Formen und Farben nach Herzenslust zu spielen, ohne dass jemand zwischen die Leinwand und mich treten kann. Es ist wie mit der Liebe. Ich finde immer wieder die Kraft weiterzumachen, doch bin ich wie jeder andere auch nicht vor Zweifeln gefeit. Für den Maler ist sein Bild wie ein Spiegel, der ihm sein eigenes Bild zurückwirft. Für die Lüge ist klein Platz dabei. Ich stelle mir oft vor, welche Freude Gott bei der Erschaffung des Universums mit seinen vielen Formen und Farben gehabt haben muss. Darf ich wohl sagen, dass der Künstler das schönste göttliche Erbe auf Erden hat? Gott hat die Welt mit Emotion geschaffen und der Maler malt sein Bild mit Emotion. So schaffe ich meinen Garten Eden auf der Leinwand in der Überzeugung, dass dieses visuelle Paradies auch für Sie erfahrbar ist. Dieses Universum habe ich nämlich nicht nur für mich, sondern auch für Sie geschaffen. Nehmen Sie es so an, wie es mir gegeben worden ist: mit Liebe.“
Die Empfindsamkeit von Boudin, die Unverschämtheit von Vlaminck, die Regelmäßigkeit von Vasarely, der Wahn von Dali, das Mysterium eines Hieronimus Bosch, die Frömmigkeit eines Giotto, die Kraft eines Leonardo da Vinci, das Feuer eines Michelangelo, die Zartheit von Hockney, die Brutalität der Cobra und die sinnenfreudige Fülle von Chagall finden sich in der beinahe heiligen Atmosphäre von Thonhauser-Merk wieder. In ihrer bis zu einem hohen Grad gesteigerten ästhetischen Auffassung wagt sie es, sich nicht nur mit den großen Meistern der Malkunst zu messen, sondern mit dem Mysterium der Malerei an sich. Damit will ich sagen, dass das Genie von Thonhauser-Merk darin besteht, einen Inhalt zu vermitteln, der sich weigert, in einen bestimmten Topf geworfen zu werden. Darin liegt ihr Genie. Sie weiß, dass die Malerei über das materielle Vergnügen, das sie vermittelt, hinaus in ihrem Wesen eine immaterielle Liebesfreude ist, die in dem Maße zunimmt, als sich in tragischer Dialektik der Prozess von Vereinigung und Trennung beschleunigt.
